27. Januar 2010: Für die Haitianer bin ich ein Schlechtmensch!
ImageSei begrüsst auf dieser Seite, die ein subjektiver WEG-WEISER im Netz sein möchte.
Ja, ich bin ein Schlechtmensch: Die Spenden-(Ga-)Galas lassen mich kalt, die Herz zerreissenden Reportagen (*) in den Medien machen mich madig: Da werde ich das Gegenteil eines "Gutmenschen". Aber der ist ja nicht etwa ein guter Mensch, sondern ein säkularer Frömmler - unbeirrt durch Fakten: Einer, der genau weiss, was für andere gut zu sein hat. Ich hingegen erkenne, was anscheinend gut für die Gutmenschen ist. Auch in Bezug auf die Haitianer, die, leidgeprüft durch ein Erdbeben, nun die volle Wucht gutmenschlicher Zuwendung zu spüren bekommen, die man ihnen (Du wirst sehen, erfolglos) geballt um die Ohren schlägt. Um den "Durchschlag" dieser "Güte-Aktionen" zu sichern, haben die Amis ja auch über 10'000 Soldaten, Kriegs- und Lazarettschiffe ins Katastrophen-Gebiet gesandt - weil die wissen, dass das nicht nur für die Haitianer, sondern auch für die USA das Beste ist: Immerhin sind die Amis auch schon 1994 in Haiti einmarschiert, um den gestürzten "Präsidenten" Aristide wieder einzusetzen ... einen ehemaligen "Armenpriester", der als ein weiterer "Kleptokrat" später davongejagt wurde. Es war wie früher im Nachbarstaat, der Dominikanischen Republik, als die USA jahrelang wussten was gut für die Dominikaner ist, nachdem von den Amis hofierte und unterstützte Diktatoren vom Volk zum Teufel gejagt worden waren. Wie muss jetzt diesen Heuchlern das Erdbeben unter dem Moloch namens "Port-au-Prince" als Geschenk Gottes vorgekommen sein! Werden nun auch die Schwachen unter den Ärmsten genug Hilfe zum selbstbestimmten Lebenserhalt bekommen - ausser den Herrschenden und Beamten, die sich seit je die Taschen füllen ... und einer stinkreich gewordenen Minderheit? Haiti ist eine einzige Katastrophe - seit Jahrzehnten: Diktatoren, Imagepolitisches Chaos, Unfähigkeit, Korruption, Todesschwadronen, Entführungen, Schiessereien, Raubüberfälle, Drogen- und Kinderhandel prägten und prägen den Alltag! Auch darum, weil die Leute keine nationale Einheit bilden, sich lieber mit Voodoo-Zauber beschäftigen als positive Eigen-Initiativen zu entwickeln. Haitis Nicht-Gesellschaft steckt seit Jahrzehnten im "Ich-ich-Ich" und kann nicht zum "Wir" finden. Darum geht alles den Bach 'runter - auch die Moral:


Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, mit dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen Lateinamerikas (ca. 2 Dollar/Tag, im Durchschnitt).

Das habe ich zusammen getragen:
  • Von den ca. 9,4 Millionen Einwohnern (die Bevölkerung hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt - wie Kaninchen!!!) leben über 65 % unterhalb der absoluten Armutsgrenze.
  • Das Durchschnittsalter beträgt gerade mal 20 Jahre - wundert's Dich noch, dass sich da eine unreife "Gesellschaft" ebenso verhält?
  • Rund 50 % der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos, weitere ca. 30 % "arbeiten" - aber nicht im Sinne des Wortes, sie mauscheln sich zuhälternd, drogendealend und stehlend durchs Leben.
  • 1,9 Millionen sind chronisch unterernährt: Null vor 20 Jahren wird jetzt also, bei verdoppelter Einwohnerzahl, durch zwei geteilt.
  • Ca. 30 % des "Bruttosozialprodukts" stammen von Exil-Haitianern, die Ihre Familienangehörigen mit monatlichen Zuwendungen unterstützen.
  • Die Analphabeten-Quote liegt bei 50 % (1995: 55 %), obwohl eine sechsjährige Grundschulpflicht auf dem Papier bestehen würde ...
  • Bis 1993 hatte Haiti die höchste AIDS-Rate ausserhalb von Afrika.
  • Mädchen-Prostitution ist gang und gäbe ... wie illegale Adoptionen ins Ausland.
Aber: Auch das Land ist erodiert, nicht nur Staat und Gesellschaft!

Die Wälder wurden abgeholzt - der Regenwald existiert zu 98 % nicht mehr -, um Holzkohle zu gewinnen und Holz zu exportieren! Dadurch erodiert(e) der Boden, Wirbelstürme schwemm(t)en die freigelegte Humus-Schicht ins Meer: Seit Beginn der Besiedlung im Jahre 1495 ist das fruchtbare Land der einst reichsten Kolonie Frankreichs um die Hälfte geschrumpft. Zurück geblieben ist eine Stein-Landschaft (google nach Luftaufnahmen der Insel Hispaniola - und schaue Dir an, wie sich die Grenze von der Dominikanischen Republik zu Haiti wie in Strich abzeichnet: auf der einen Seite grün, auf der andern Seite kahl!), in der nichts wächst, das zum Essen taugt. Und als wäre das noch nicht genug, hat die "Regierung" auch noch vor Jahren den Agrarfreihandel eingeführt: Die wenigen verbliebenen Bauern haben mit ihren Erzeugnissen gegen Importe keine Chance. Das Land ist vollkommen abhängig von andern. Darum hat auch niemand ein Interesse daran, etwas an- oder aufzubauen: Lieber sind sie in die Hauptstadt gezogen - die keine Elendsviertel hat ... Weil sie ein einziges Elendsviertel ist: grossflächig ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne Kanalisation, ohne Müllabfuhr, ohne Perspektiven! Beginnen nun die Gutmenschen mit der Aufforstung, bauen sie Schutzdämme gegen das Wegschwemmen der Erde, karren sie nun Milliarden von Tonnen Humus auf den kahlen Inselteil?

Natürlich war das Erdbeben eine Naturkatastrophe unvorhersehbar, zerstörerisch:

Aber wie folgenschwer ein Beben ist, hängt nicht nur mit seiner Stärke auf der nach oben offenen Richterskala zusammen. Das hängt auch von der Stärke des Staates ab: Seit Jahren versuchen die Uno und Hilfswerke etwas Nachhaltiges zu schaffen und scheitern immer wieder an der Realität. Nur der Bandengewalt konnten die Blauhelme in den vergangenen Jahren mit einigem Erfolg entgegengetreten: In den Slums konnten sich die Leute bis zum Beben etwas sicherer bewegen. Aber Sicherheit kann man nicht essen! Haiti ist bis heute korrupt geblieben: Hier reissen sich aber nicht nur rivalisierende Clans um Macht und Pfründe - auch die Entwicklungshilfe-Organisationen gehören dazu, bei denen ist es ein Kampf der Gutmenschen um die Seelen! Das Beben hat es nun geschafft, das Land vollständig abhängig von ausländischer "Mildtätigkeit" zu machen.

Einst war Haiti die "Perle der Antillen" - dann wurde es von Frankreich über Reparations-Zahlungen kolonial bis ins letzte Jahrhundert geschlachtet und ausgenommen ... wie eine Weihnachtsgans ... und heute gilt Haiti als "gescheiterter Staat". Ein Land, mit dem es wirtschaftlich seit der (1804 vom Volk erzwungenen) Unabhängigkeit stetig bergab - ging und geht. Haiti besteht seitdem aus einer "Gesellschaft" ehemals "importierter" afrikanischer Sklaven, die gesellschaftlich auch nach über 200 Jahren noch völlig fragmentiert ist, als Ganzes keine Einheit bildet, kein gemeinsames Verantwortungs-Bewusstsein für ihre Nation gefunden hat.

Das wissen auch die Nachbarländer, allen voran die USA ...

Die USA haben ein geostrategisches Interesse an Haiti - und sind jetzt ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates einmarschiert. Haiti befindet sich knapp 1'000 Kilometer (bzw. 40 Flugminuten) von Miami entfernt. Rund 1 Million Haitianer sind schon in die USA ausgewandert (im Gegenzug sind es ca. 45'000 Amerikaner, die auf Haiti leben). Die Angst Obamas ist nun, der völlige politisch-ökonomische Kollaps durch die Bebenkatastrophe auf Haiti könnte eine neue, gewaltige, Flüchtlingswelle auslösen ... in einer Zeit, da die USA selber gegen den wirtschaftlichen Niedergang kämpfen. Zudem ist Haiti in Ermangelung einer Flugwaffe (die es abgeschafft hatte) zu einem Drehkreuz für den internationalen Drogenschmuggel geworden: Das ist für die USA ein weiterer Grund, harte Bandagen im regionalen Machtkampf um den Einfluss einzusetzen. Ist das Rechtfertigung genug für eine Besetzung?

... aber auch Venezuela und Kuba

haben bereits Zeichen gesetzt: Das erste Flugzeug, das nach der Katastrophe in Port-au-Prince landete, kam aus Venezuela. Dessen Präsident, Hugo Chavez, Obamas Erzfeind, lieferte Haiti bereits seit Jahren Erdöl zu Vorzugspreisen (und klagt jetzt die USA öffentlich an, die "Erdbebenwaffe gegen Haiti eingesetzt zu haben" - das Beben also willentlich ausgelöst zu haben - und "Gott zu spielen" ... Siehe dazu den Artikel unter diesem Editorial).
Aber auch Chavez' Verbündeter, das kommunistische Kuba, ist seit langem auf Haiti präsent: Rund 400 kubanische Ärzte arbeiten seit Ende der neunziger Jahre auf Haiti und haben einen wichtigen Beitrag zum Erhalt eines - bis zum Erdbeben - einigermassen funktionierenden Gesundheits-Systems geleistet. Nun hoffen Venezuela und Kuba, die Katastrophe biete ihnen die Gelegenheit, ihren Einfluss auszuweiten.

sowie Brasilien:


Brasilien führt seit 2004 die UN-Stabilisierungs-Truppe "Minustah" an und hat Erfolge vorzuweisen (siehe oben: Bekämpfung Bandengewalt). Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva hatte sein Land bereits als führenden Koordinator der Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe ins Spiel gebracht. Aber die Hoffnung ist (war) vergebens, über die Haiti-Hilfe einen weiteren Mosaikstein auf dem Weg zur Weltmacht, vielleicht sogar zum Einzug in den UN-Sicherheitsrat als ständiges Mitglied, legen zu können.

Zurück zum Gutmenschen in der US-Regierung:


Die Haiti-Katastrophe sei einer jener Momente, die förmlich nach amerikanischer Führungsstärke riefen, sagte Obama. Zum einen wohl aus humanitären Gründen - aus schlechtem Gewissen auch -, vor allem aber, um persönlich um zu beweisen, dass er am Ende seines ersten Jahres im Braunen Haus auch das Krisen-Management beherrsche ... Ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger George W. Bush, der im 2005 auf den Hurrikan "Katrina" in New Orleans nur zögerlich und ratlos reagierte.

Haiti, der Hinterhof der USA -


so bezeichnen es heute noch Rechtskonservative: Verhasst war der nahe Nachbar den amerikanischen Sklavenhaltern, weil 1804 Nigger auf Haiti den ersten freien schwarzen Staat ausriefen. Später unterstützten - bzw. stürzten - US-Präsidenten nach Belieben die verschiedenen Diktatoren in Port-au-Prince. Hauptsache war dabei, dass die Amerika-Gegner Kuba, Venezuela, Bolivien, Kolumbien usw. in Haiti nicht an Einfluss gewinnen konnten.
 
Nun ist also ein "humanitärer" Krieg zwischen den USA und Lateinamerika ausgebrochen,

geführt wird er auf dem Boden Haitis und auf dem Buckel seiner Bevölkerung ... Und die Gutmenschen auch aller europäischen Staaten sind wieder einmal mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.

Nur ich Schlechtmensch bin hin und her gerissen zwischen Kinn und Knie ...

quasi zwischen Wut und Armut, zwischen heuchlerischen Galas und Grossherzigkeit. Ich weiss, dass mir eine Spende nicht an meine bisherigen Verfehlungen angerechnet werden würde, dass ich mir damit nicht einen "Platz im Himmel" erkaufen könnte. Viele Gutmenschen aber glauben genau daran.

... denn ich weiss, dass arme Leute ganz in der Nähe ebenfalls auf Hilfe angewiesen sind:


Auch ihre Existenz ist zusammengekracht - ohne Erdbeben, ohne medialen Hype, ohne dass Polit-Geier über dem Ort der Tragödie auf Aas hoffend schweben. Und ganz sicher ohne Spenden-Galas so genannter Gutmenschen - weil es bei den vielen Tausend Einzelfällen nichts zu gewinnen gibt, keine positive Public-Relation, keine Seelen, keine Rechtfertigung der eigenen karitativen Organisation. Diese armen Menschen im eigenen Land brauchen gute Menschen, die Hilfe und begleitende Unterstützung bieten ... ohne Aufsehen zu erregen, im Stillen, ganz in der Nähe.

Näher jedenfalls als es irgendwelche fatalistischen oder kriminellen Schmarotzer sind, die auf einem Teil einer fernen Karibik-Insel leben, die für sie ein Paradies auf Erden sein könnte - wie zu einem Gutteil die Dominikanische Republik beweist. Ich frage Dich: Worin liegt denn der Unterschied zwischen den Einwohner der Dominikanischen Republik und denjenigen Haitis? Vielleicht findest Du die Antwort selber ...

(*)
Was denkst Du, wie viele Verschüttete wohl wieder unter die Trümmer "komplimentiert" wurden, damit sie nachher - medien- und spendenwirksam - vor laufenden Kameras "gerettet" werden konnten ... auch noch nach über 10 Tagen??? Und weisst Du, wie viele Leute gerettet wurden? Wenn Du Dir die TV-Übertrgungen angesehen hast, meinst Du es seien Hunderte. Falsch: es sind etwas über 120! Viel Lärm um nichts, statistisch gesehen ... das tönt zynisch. Denn jeder gerettete Mensch zählt, den man nachher wieder in sein Elend entlassen kann.

Aber lassen wir das - die Sache ist in jeder Hinsicht ein Trauerfall - denn Tausende oder Abertausende von Toten sind zu beklagen. Wieso aber wird auf diesen Zahlen so 'rumgeritten? Die sind doch schon tot - höchstenfalls noch zu gebrauchen, um auf die Tränendrüsen Unbeteiligter zu drücken, die dann Spenden fliessen lassen sollen.

Die meisten Haitianer aber haben ein anderes Verhältnis zu Toten: Tot ist nicht mehr zu gebrauchen, schon gefleddert, nicht viel mehr als Abfall - wie Du hier in diesem Video sehen kannst. Ja, ich bin ein Schlechtmensch, ich weiss.